Crip Time als mögliche Blaupause für post-kapitalistische Zeitpolitiken
Neoliberale Politik und (Techno)-Ableismus erzeugen in ihrer Wechselwirkung ein System, das alle Lebensbereiche in verwertbare Ressourcen presst, Zeit als Mangelware inszeniert und Körper durch algorithmische Kontrolle, Selbstoptimierungszwang und meritokratische Mythen diszipliniert – während gleichzeitig strukturelle Ungleichheiten verschleiert und entpolitisiert als individuelles Scheitern inszeniert werden.
Naturalisierte kapitalistische Produktionslogiken, lineare Zeitmodelle und das Narrativ meritokratischer Gerechtigkeit inszenieren Leistungsfähigkeit als vermeintlich neutralen Maßstab, während Menschen mit sichtbaren und unsichtbare Behinderungen als defizitär pathologisiert werden, da ihre Lebensrealitäten non-lineare und dehnbare Zeitalternativen erfordern.
Crip Time beschreibt die Erfahrungen behinderter, chronisch kranker und neurodivergenter Menschen mit normativer Zeit (Deadlines, Effizienzmetriken, Lebenslauf-Normativität). Indem Crip Time „Leistung“ als eine Kategorie entlarvt, die stets an normierte Körper gebunden ist und somit strukturell exkludierend wirkt, wird auch aufgezeigt, dass Zeit kein universelles Raster ist, sondern vielfältiges kollektiv verhandelbares Gut – gestaltet von Körpern, Bedürfnissen und Machtverhältnissen.
Crip Time ist mehr als als ein individuelles Coping-Phänomen und ganz sicher kein Nischenphänomen, sondern eine mögliche Blaupause für postkapitalistische Zeitpolitiken. Denn Crip Time fordert uns auch auf, Temporalität diverser zu denken – weg von ableistischen Algorithmen der Optimierung, hin zu einer solidarischen Politik der radikalen Zugänglichkeit, die Körperlichkeit und Zeitlichkeit als interdependente Kategorien begreift.
Wer Zeit hackt, hackt Macht. Dieser Workshop stellt nebst Einführungen zum Sozialen Model von Behinderung, Critical Neurodiversity und Crip Time auch konkrete Hacks vor und ist eine Einladung, von behindertem und neurodivergentem Wissen zu lernen – um Welten zu codieren, in denen Glitches nicht gefixt, sondern gefeiert werden.